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sächsische Informations-Compagnie zu Berlin | Marcus Pauli
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15 Jun 10 betrieben

treiben verfängt sich schweben
schweigen verstummt alles
worte stehen lose

schatten folgen schattenfolgen
wege flüchten den schatten
verfluchte schattenflucht

sonniges versteck
hinterm mond
kalt, klar, nüchtern
und doch: licht.

gemütliche neonröhren
schlagen aufs gemüt
ein. mal will ich sein
ohne zu schweigen


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04 Mai 10 Letztes Gespräch

Wir sind hier
wo wir immer waren.
Du sagst:
Wir müssen reden.
Wo wir jetzt stehen,
sagst du,
und gehst.

Du bist gegangen
und willst doch bleiben
So rede doch,
sagen wir,
fragen wir,
wohin dieser Traum denn führt,
im Gehen schon.

Wir kommen wieder,
Nachdem du wiederkommst
Du musst
jetzt gehen. Wir
können nicht bleiben
Es ist wohl Zeit.

Du schaust auf die Uhr
Wir blicken zurück.

Geh’,
sagen wir,
sonst kommst du zu spät.

100504


mit tatkräftiger Unterstützung von miescha

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22 Apr 10 Misanthropen unter sich

Du presst mich an dich, ich weiche zurück. Lasse Dich jagen, jage. Lässt mich jagen, jagst. Ich presse dich an mich, du weichst zurück. Ich bin dir wie jeder Andere. Du bist beliebig. Meine Ambivalenz macht dich anonym. Ich verliere dich in mir. Du nimmst mich mit. Kein Vorgeben, kein Nachsehen.

Deine Blicke fallen über meine her. Ehrliche Dunkelheit in dir und um mich herum. Deine Körper pressen das Hassende in meinen an sich, bis es nach Liebe riecht. Weder Fragen, noch Bitten. Dein Tod ist mein Tod über dich hinaus. Du Zerrst, ich ziehe. Unverblümtes Wollen vollstreckt sich an der Gegenseitigkeit des Scheins.

Stille ringt nach Atem. Du bist was ich bin. Entblößt verdeckst Du mich vor dir.

Dunkelheit. Der Kühlschrank springt an. Scheinwerfer wandern an der Decke.

Morgengrauen. Nackte Füße huschen übers Parkett. Beine kehren mit Hemd zurück. Eine Tür klappt.


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06 Apr 10 Locken.

Locken in den Händen. »Wer bist du?« »Weiß nicht. Ist das wichtig?« »Weiß nicht.« »Wer bist du?« »Weiß nicht.« Kopfhaut unter Fingerspitzen. »Wo bist du?« »Hier.« »Bleibst du?« »Soll ich?« »Ich will.« »Ich auch.«

Lippen auf der Stirn. »Ich muss.« Blinzeln. »Ich auch.« »Musst du?« »Weiß nicht. Muss ich?« »Weiß nicht. Bleib.« »Ja?« »Ja.« Lippen am Ohr. »Ich muss.« Hand an den Lippen. »Wo bist du?« »Hier.« »Und gleich?« »Gegenüber.« Lippen. »Wer bist du?« »Weiß nicht. Wer bist du?« »Weiß nicht. Ist das wichtig?« »Weiß nicht.« Ohr an den Lippen. »Ich will.« Lippen am Ohr. »Ich auch.«

Gegenüber. Menschen. Sonntag. Gespräche. Locken. Kaffee dampft ins Gesicht. Wasserglas fängt Sonnenstrahlen. Locken. Sonne tanzt im Wein. Große Zeitung. Locken.

Gegenüber. Menschen. Kaffee. Kuchen. »Ich muss.« »Ich auch.« »Wohin?« »Weiß nicht. Mit dir?« »Ja.« »Ich will.« »Ich auch.«

Park. Fußbälle. Kinderräder. Hunde. Hand in Hand. »Paul.« »Anna-Sophie.« »Ist das wichtig?« »Weiß nicht.« »Ich will.« »Ich auch.«

Bahnhof. Koffer. Hand neben Hand. »Ich muss.« »Ich weiß.« »Soll ich?« »Ja. Bald.« »Ich will.« »Ich auch.«

Bahnhof. Rolltreppen. Menschen. Koffer. Mantel über Hand. Textnachricht. »Zinnober?« Antwort. »Purpur?« Textnachricht. »Ich will.« Antwort. »Ich auch.«


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26 Mrz 08 Single Point Of Failure

Ein ganz gewöhnlicher Samstag am Vorabend des «Messiah Comback Day ». Wir sitzen im RegionalExpress von Dresden nach Leipzig. Ungewöhnlich ist nur, dass wir a) den geplanten Zug erreicht haben, wir b) niemanden zu besonderer Eile nötigen mussten und c) sogar schon das Ticket in der Tasche haben. Alles ist also wunderbar.

In Riesa angekommen, spüren wir plötzlich den kalten Atem des Unglücks im Nacken: Wir warten. ‘Vielleicht warten wir ja auf diese öminösen Anschlußreisenden.’, ist mein erster Gedanke. Nach fünfminütiger Ungewissheit eine Durchsage: Eine betriebliche Störung. Ich ahne Schlimmes. Weitere fünf Minuten später rollen wir fast unmerklich los und haben nach wenigen Sekunden unsere Reisegeschwindigkeit erreicht. Es fühlt sich an wie Schrittgeschwindigkeit und nennt sich bestimmt «auf Sicht fahren ». Grüne Signale sehen wir nicht, dafür umso mehr rote. Die Strecke bis Oschatz dauert etwa eine Stunde. Zwischendrin eine Durchsage, in der uns mitgeteilt wird, dass die Verspätung inzwischen bereits vierzig Minuten betrage und um Verständnis gebeten wird. Leider ist das bereits aus, denn ich musste schon weitaus früher feststellen, dass aus dem knapp einstündigen Aufenthalt am Leipziger Hauptbahnhof nichts wird und ich demzufolge keine Strümpfe werde kaufen können. Sowas gibt’s ja noch nicht im Zug. Blumen auch nicht. Verspätung wäre ja nicht so schlimm, wenn an jedem Zug noch eine Kaufhalle wäre.

Ein pflichtbewusster Mann älteren Semesters macht sich mehrmals auf die Suche nach der Schaffnerin, aber anscheinend hat das Personal die Schutzräume bereits aufgesucht. Ich kann das irgendwie verstehen. Die zwei sitzen im gleichen Boot wie wir, haben ebenso viel Schuld an der ganzen Sache, bekommen aber dafür alles ab. Wieder ein Tag, wo man Meister Mehdorn danken muss. Wieder einmal zeigt sich, dass Computer nur dann sinnvolle Arbeit leisten können, wenn sie sinnvoll eingesetzt werden. Kommt aber ein verkalktes Vorstandshirn auf die Idee, Computer sind die ideale Sparbesetzung für alles, dann kann das Ergebnis nur schlecht sein. So wie jetzt. Von Leipzig aus wird des gesamte Zugverkehr bis einschließlich Dresden verwaltet. Klingt klug, ist Müll. Denn wenn die kluge Lösung ausfällt, stehen alle Signale auf rot und alle Züge müssen Schritt fahren. Tja und wenn man ewig und drei Tage braucht, um die Computer wieder hoch zu fahren, dann kann man schonmal für eine eigentlich einstündige Fahrt doppelt so lange benötigen. Alle Räder stehen still, weil der starke Arm nicht will.

In Oschatz angekommen, sind wir bereits mit einstündiger Verspätung ausgepreist. Die Leute am Bahnsteig freuen sich auf den warmen Zug und sind laut. Dafür normalisiert sich unsere Geschwindigkeit.

Inzwischen könnten wir seit einer halben Stunde auf dem Hauptbahnhof Geld ausgeben. Stattdessen fahren wir in Dahlen ein und bekommen eine weitere Durchsage. Verspätung jetzt 64 min. Die ICEs nach Erfurt und München werden nicht erreicht. Ende der Durchsage. Weil vorhin schon um Verständnis gebeten wurde und sowieso keiner im Zug ernsthaft gewillt ist, die lakonische Entschuldigung anzunehmen, kommt auch nichts. Man sieht, die Bahn versteht es, ihre Mitarbeiter loyal hinter sich zu versammeln.
Vielleicht ist aber auch alles ganz anders. Vielleicht ist es auch nur die Rache der Programmierer. Oder aber der große Vorsitzende hat das bewusst einbauen lassen, diese Fehler. Um den Leuten zu zeigen, wie gut es ihnen sonst geht, und dass er den Längsten hat. Vielleicht ist es aber auch nur Fürsorge. Ich meine, die Züge werden immer schneller, die Aufenthalte in den Zügen immer kürzer, vielleicht ist so etwas wirklich mit Absicht geschehen um den Menschen die Chance zu geben, sich mit dem Zug, dem Personal, dem Gesamtkonzern Bahn zu identifizieren.


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10 Feb 08 Reise nach Rostock

Zum Samstag um neun Uhr aufzustehen ist schon ziemlich hart, vor allem, wenn man wie ich die ganze Woche schon zu wenig Schlaf gehabt hat. Naja, was man nicht alles tut. Dafür schaffe ich es pünktlich zum Zug; eine seltene Erfahrung: Züge spielend erreichen. Das fetzt, das werde ich mir merken.

Auch schön ist, dass der Zug angenehm gefüllt ist, um nicht zu sagen: Ein Wagen weniger hätte es wahrscheinlich auch getan. Ich schnappe mir meine NZZ und beginne – wie es sich gehört – auf Seite eins. Die Wochenendausgabe ist immer voll mit Kommentaren. Das ist schon ziemlich hart. Unter der Woche sind sie ja immer fair, aber am Wochenende holen sie ihre derbe konservativen Kolumnisten aus dem Keller hervor. Meine Blicke schwimmen vom Buchstabensalat weg – hinaus aus dem Fenster. An mir vorbei ziehen die brandenburgischen Landschaften im Vorfrühling: Immergrüne Wälder, die von großen, gelben hochstandübersäten Lichtungen unterbrochen werden. Hin und wieder auch ein See mit spiegelglatter Oberfläche. Eigentlich fehlen nur noch ein paar Laubbäume. Ah! Da sind sie ja auch schon. Laubwälder finde ich nämlich viel schöner als Nadelwälder. Erstens haben sie die schöneren Farben, zweitens riechen sie besser, drittens sind sie abwechslungsreicher und viertens gibt’s im Herbst immer rascheliges Laub.

Ich döse vor mich hin und stelle mir vor, inmitten dieser Effi-Briest-Landschaft zu leben und mich meinem Dasein als berühmter Schriftsteller hinzugeben. Ich würde mich dann von den Wäldern und dem See am Haus inspizieren lassen und meinen Arbeitstag mit einer halben Naturbeobachtungskurzgeschichte beginnen. Aber das wäre auch doof. Man wäre ja gefangen inmitten der ländlichen Idylle. Na, vielleicht dann doch lieber ein Sommerhaus, in dass man mit Kind und Kegel während irgendwelcher Ferien fahren kann und in dass ich mir eine große Bibliothek mit angeschlossenem Schreibzimmer gebaut habe. Bestimmt würde das der Unterschlupf für alle Freunde werden, die in einer beziehungsmässigen Krise wären. Tja und am Schluss käme ich selbst nicht in mein eigenes Haus, weil mal wieder ein temporär-neurotisches, midlife-gecristes Elementarteilchen meines Freundeskreises sich inmitten dieser Inspriration in grün therapieren müsste. Also muss doch ein umfangreicheres Gartenhaus her, nicht nur ein oller Schuppen.

Meine Träumereien werden von Neustrelitz unterbrochen. Hier halten wir zum ersten Mal. Eine alleinstehende Mittsechzigerin mit gleichaltrigem Terrier verabschiedet sich von ihrer Mutter und steigt zu. Neben mir sind zwei Doppelsitze frei, die sie auch gleich ansteuert. Sie strahlt eine innere Ruhe und Herzlichkeit aus, aber man sieht schon, dass sie ein paar tiefe Schicksalsschläge erleben musste. Verbitterung sucht man allerdings vergebens. Zwei Reihen hinter mir sitzt eine Pubertierende mit kleiner Schwester und Hund. Nachdem mir sein nervigen Fiepen schon das Musikhören samt Träumereien versaut hat, fängt diese Mischung aus Wer-will-nochmal und Wer-hat-noch-nicht an zu bellen. Der Terrier hingegen ignoriert den Fieper völlig, er hat auch schon zu tun, die Stufe hochzukommen, schließlich ist sie so hoch wie er selbst und er scheint es bald erlebt zu haben. Doch kaum er’s geschafft hat, geht’s auch schon wieder retour, denn der gestresste Fieper kann sein Gebell einfach nicht lassen. Also hievt er sich lässig die Stufe wieder hinunter und trottet seinem Frauchen hinterher. Schade, die Frau sah aus, als ob man sich prima mit ihr hätte unterhalten können.

Ich will meine Stifte wetzen und gehe dazu zum Papierkorb. Natürlich fällt mir der Spitzer, der gleichzeitig auch Bleistiftminenherausholdrücker ist, unwiederbringlich in den Müll. Da hilft kein Fischen und kein Suchen, am Ende muss ich mir auch noch die Hände waschen.

Auf dem WC angekommen, stehe ich vor eine typisch deutschen Situation: Die Verbote springen einem sofort ins Gesicht, die Gebote sind – wenn überhaupt – nur ganz klein erklärt. Tja, das kennt man ja als Informatiker… Wenn man nämlich im Zug in ein WC kommt, will man natürlich sofort darüber informiert werden, dass das ohnehin im ganzen Zug geltende Rauchverbot auch und in verschärfter Form in genau dieser Toilette Anwendung findet und um der ganzen Sache so richtig Nachdruck zu verleihen, sind irgendwo versteckt Rauchmelder installiert worden, jedenfalls steht das auf dem Schild mit den großen, fettgedruckten, roten Buchstaben und dem breiten, schwarzen Rand. Gut, ich hab’s verstanden: Ich soll nicht rauchen. So, wo bitte ist jetzt der Knopf, der den Wasserhahn in Funktion versetzt? Hier nicht, da nicht, der ist rot, das kann er nicht sein, ah.. vielleicht ist es ja der kleine namenlose Braune… richtig! Gewonnen! Juhu!

Nächster Halt Güstrow. War mal Hauptstadt eines lokalen Herzogs und hatte wohl auch mal Industrie – jedenfalls zeugen seit Jahren leerstehende Industriebauten verschiedener Epochen des letzten Jahrhunderts davon. Es sieht ganz so aus, als ob das neue Jahrtausend nur eines bietet: Nichts. Deswegen hat man sich auch den Schriftzug «Die umweltgerechte Stadt» über das Haltestellenschild gebastelt, denn: Wo kein Schornstein, da auch kein Feinstaub.

Der Schönling eines lokalen Kleinstadtgymnasiums läuft telefonierend an mir vorbei. Seine Markenjeans besteht aus 20x15cm großen Flicken, deren etwa 5cm lange Fransen herumfransen. Willkommen in M-V, Marcus.


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07 Feb 08 Morgens halb zehn in Deutschland

Ich nutze die Gunst der Stunde und gehe zum lokalen Fitness-Dealer meines Vertrauens. Ich freue mich schon so richtig auf eine Stunde Knochenstrecken in ruhiger, entspannter Atmosphäre. Eigentlich hätten mir die zwei Turnbeutelträger vor der Haustür schon ein böses Omen sein sollen, doch ignorant wie ich nunmal bin gehe ich weiter. Am Tresen hat sich bereits eine Schlange gebildet. Eine kosmetikagetunte, offenbar alleinstehende Endvierzigerin versucht mit einer Aneinanderreihung von Konditionalfragen bezüglich ihres Vertrags möglichst viele Worte mit dem höflich genervten Angestellten zu wechseln. Es scheint, als ob sie bei ihm Landen will. Ich bin mir nicht so ganz sicher, ob sie für seine Landebahn überhaupt in Frage kommt, doch wie es aussieht, will sie wohl genau das in Erfahrung bringen. Nachdem er das Fragenknäuel der guten Frau mehrere Male auseinandergedröselt und sowohl logisch einwandfrei als auch idiotensicher beantwortet hat, damit sie es anschließend fein säuberlich in seinen Ausgangszustand zurückverfitzt, bemerkt sie die Schlange hinter sich und zieht diplomatisch grinsend von Dannen. Der tapfere Recke hinterm Tresen verzieht keine Miene, doch seine Augen versenden maschinengewehrartig Stoßgebete. Offenbar bin ich der mit dem schnellsten Anliegen, denn ich werde zuerst bedient – auch wenn ich ganz hinten stehe. Auf dem Weg in die Umkleide überkommt mich ein Schatten dunkler Gedanken: ‘Hier ist ja alles voll! Mit komischen Leuten!’ In der Kabine sind – zu meinem Erstaunen – noch fast alle Spinde zu haben. Seltsam.

Ich starte zum ersten Gerät. Rings umher nur Menschen, die am Besten nichts Körperbetontes anziehen sollten, es aber trotzdem tun. Gut, also suche ich mir ab sofort Fensterplätze. Beruhigend, so nach draußen zu sehen. Nach jedem Gerätewechsel scheint mir der Laden hier voller zu werden und irgendwie steigt mit ihm auch der Altersdurchschnitt. Man fragt sich, was die Rentner den ganzen Tag so machen und jetzt fällt es mir wie Schuppen aus den Augen: Die gehen ins Fitnessstudio! Von jetzt an werde ich lieber die Straßenseite wechseln, wenn ich wieder einen mit Stöcken bewaffneten Rentnertrupp sehe. Diese Krücken sind doch nur Tarnung. Die brauchen das doch eigentlich nicht. Die sind doch alle hier im Fitnessstudio und sehen ziemlich fit aus. Die alten Mäntel, Hüte und Brillen täuschen doch nur darüber hinweg. In Wirklichkeit sind das Uniformen paramilitärischer Vereinigungen entstanden aus purer Langeweile. Wie die Kampfgruppen früher, nur konspirativer. Ich frage mich, ob die vom Verfassungsschutz bezahlt werden, von den Renten geht das ja inzwischen nicht mehr. Bestimmt trifft man sie morgen um die gleiche Uhrzeit beim Kampfsport.
Nun, wie dem auch sei, ich muss die richtige Uhrzeit für ein leeres Studio offenbar noch finden. Allerdings war heute eine kleine, knuffige Omi da. Sie war schon gut in die siebzig und ging mir bis knapp über den Bauchnabel, aber an den Geräten ging sie ab. Das war eine Schau! Eine Bilderbuchomi – klein, alt, zum knuddeln und dreimal älter als ich – geht gemütlich inmitten dieser nüchtern schwarz-grauen Kunstleder-Stahl-Kolosse umher, sucht sich einen aus und bezwingt ihn. Ein Gerät dort trainiert die Halsmuskeln: Da spannt man seinen Kopf ein, kippt ihn nach links und rechts gegen einen gewichtigen Widerstand. Die Maschine misst etwa 160 x 210 x 160 Zentimeter. Da hätte die Omi sechsmal reingepasst! Und dann sitzt sie auf dem Schemel in der Maschine, ihren Kopf in ihr Handtuch gewickelt, so dass man eigentlich nur ein weißes Handtuch, eingespannt zwischem schwarzen Kunstleder und Stahl, sieht, dass nach rechts und links kippt und man weiß nicht so recht: Ist das jetzt gut oder fällt der Kopf ab?


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28 Jan 08 Warum man seine Siebensachen immer zusammenhalten sollte und Muttis toll sind

Vor einigen Jahren, in grauer Vorzeit, als unser Leben noch aus Schwarz-Weiß-Gedächtnislücken bestand, legte ich mein Abitur ab. Meine Schule stand auf der Abschussliste des Oberschulamtes. Soetwas kann man recht leicht erkennen: Die übrig gebliebenen Gymnasien durften das Wort «Gymnasium » im Titel führen, die anderen nicht. Wir hießen also «Robert-Koch-Schule, Gymnasium ». Damals sagte man uns, dass wir unser Abiturzeugnis unbedingt aufheben müssten, alles andere würde einen äußerst nervenaufreibenden Gewaltmarsch durch die Institutionen bedeuten. Aber mit fünf beglaubigten Kopien muss man doch noch nicht einmal sparsam umgehen, als frischgebackener Abiturient weiß man einfach, dass einen diese fünf Kopien bis zur Rente begleiten werden: Ein Zeugnis für die Uni und eins für den Arbeitgeber. Vielleicht noch eins für die Rente. Da wir aber sowieso mit 40 Jahren in Rente werden gehen können, um von den Zinsen unserer angehäuften Reichtümer zu leben, können wir uns das eigentlich auch sparen. Tja und der Rest ist für die Enkel zum Papierflieger basteln.

Siebeneinhalb Jahre und sechs Umzüge später holt mich die Realität mit ihrem eiskalten Hauch ein: Meine Kopien sind alle und das Original ist auch weg. Das bemerke ich, als mir die Zentralregistratur einer irischen Universitäten eine Mail schreibt, in der sie mir mitteilen, dass sie meine Online-Bewerbung haben und binnen acht Tagen alle weiteren Unterlagen eingetroffen sein müssten. Damit meinen sie vor allem mein Zeugnis.

Also hole ich meine institutionelle Sturmhaube aus dem Schrank und suche die erste Telefonnummer heraus. Das Oberschulamt heißt jetzt Regionalschulamt. Meinetwegen könnte das auch «House Of The Rising Sun » heißen; Hauptsache, die geben mir mein Zeugnis. Also rufe ich an. Die Dame an der Vermittlung hört sich meine Geschichte an und verbindet mich. Die Verbundene hört sich meine Geschichte an und verbindet mich. Die Verbundene hört sich meine Geschichte an und sagt mir, dass das Regionalschulamt Leipzig keine Zeugnisse archiviert. Das ist Aufgabe des Stadtarchives. Wie jetzt? Hat man uns nicht immer erzählt, dass die Akten allesamt jahrzehntelang im Keller aufbewahrt würden und dass kaum Platz sei, die Vorschriften aber unbarmherzig einzuhalten seien? Und auf einmal wird meine Schule geschlossen und die Aufsichtsbehörde zieht die Spendierhosen an und verteilt die Akten großzügig an Jeden, der sie haben will? Sind Schulen nicht Landessache? Müssten die Akten denn dann nicht eigentlich eher ins Landesarchiv? Na egal. Ich bekomme die Nummer des Stadtarchives und versuche mein Glück. Wieder eine Dame am anderen Ende der Leitung. Sie schaut also nach. ‘Ja, sie habe Akten: Von damals (als die einundachtzigste Polytechnische Oberschule noch den Namen eines antifaschistischen Widerstands-Frontkämpfer aus der siebten Reihe von hinten trug) habe man noch alle Akten, aber für die Zeit nach der Wende (als die Schule eines der ersten Gymnasien in Leipzig war und sich den Namen des Tuberkulose-Jägers Robert-Koch zu eigen machte) seien wohl keine Unterlagen vorhanden.’ Ich verdränge, dass das für mich keinen Sinn ergibt und notiere mir gleich zwei Telefonnummern. Die eine ist für ein Archiv der Stadt Leipzig (ich hätte das in meiner unbedarften Art doch glatt als Stadtarchiv bezeichnet), die andere ist für das Schulverwaltungsamt (das ist nicht das Regionalschulamt?). Wenn wir in Leipzig alles so hätten, wie zu viele Ämter, dann wären wir nicht mir 900 Millionen in den Nassen, schießt es mir ketzerisch durch den Kopf.

Langsam kommt mein altes Kriegsleiden zu Tage: Ich muss erstmal ausrasten. Natürlich nicht am Telefon. Das greife ich mir aber jetzt, um die erste Nummer zu wählen. Sozialamt. Lohn- und Gehaltsarchiv, was kann ich für Sie tun? Ich bin perplex, das muss ich erstmal verdauen. (Mein rechtes Auge schickt sich an, nervös zu zucken.) Ich werde nicht verbunden. Bin ich hier etwa auf Anhieb richtig? Ich atme auf. (Mein Auge beruhigt sich wieder.) Eine nette ältere Dame erklärt mir seelenruhig, dass sich das Stadtarchiv die guten Sachen zum Archivieren herauspickt und den Rest bekäme dann ihre Stelle. (Da ist das Auge wieder.) Ich bin also an einer schlechten Schule gewesen. Aha. In diesem Moment wird mir mal wieder bewusst, wie schizophren unser Land eigentlich ist: Während wir die anderen Nationen für ihr offensichtliches Chaos belächeln, wähnen wir uns in sicheren, geregelten Bahnen weil ja angeblich alles überreguliert ist. Pustekuchen! Im Ausland weiß man wenigstens, dass das Chaos permanent herrscht und begegnet ihm lässig mit spontanen Regeln. Hier aber regelt die Willkür systematisch alles und das auch noch permanent und keiner will es sehen oder ändern! (Mein Auge hat sich steifgezuckt) Wie dem auch sei. Die nette Dame nimmt meine Adresse auf und schickt mir ein Formular, dass mir – sofern ich es ausgefüllt zurücksende – binnen vier Wochen beglaubigte Kopien beschaffen wird. (Es zuckt wieder) Und zwar kostenlos. (Schlagartig erstirbt jedes Zucken.) Gerührt und heldenhaft zugleich hisse ich die Fahne des Sieges und stoße mit mir selbst an.

Eine Stunde später telefoniere ich mit meiner Mutti, um ihr von meinen todesmutigen Heldentaten zu berichten. Sie hält sich mit dem mir dafür zustehenden Lob zurück. Das verheißt nichts Gutes. Sie ist der festen Überzeugung, über das Originalzeugnis zu verfügen. Fünf Minuten später hat sie nachgesehen und Recht behalten. Ich zähle meine Punkte: Marcus einer, Windmühlen fünf. Ich setze: «Alle Siebensachen beieinanderhalten » auf die Liste der Sachen, die ich mir schleunigst und nachhaltigst angewöhnen muss.


Nachtrag. Meine Mutti hat gesagt, Schulen sind Kommunalsache. Deswegen auch die zwei Verwaltungen. Ich find’s trotzdem doof. Die Städte bezahlen für die Lehrer und Schulen, die Länder bilden die Lehrer aus, bestimmen die Lehrpläne und den ganzen Kladderadatsch und am Ende müssen sich beide für diese kluge postförderalistische Gewaltenteilung jeweils eine supertolle Verwaltung leisten. Marcus einer, Windmühlen sechs. Manno.

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09 Dez 07 Punk never dies

Punk- aufbegehrende Jugendliche, die versuchen, sich dem Mainstream zu entziehen, indem sie die Sprache ihrer Vorgeneration auf eine Verwandlungsreise mitnehmen und sich durch einen Ewig-Anti-Mainstream-Look vom Establishment abgrenzen. Wie erfolgreich dieses Vorhaben ist, kann eigentlich nur die Zeit beantworten. Gestern konnte ich TV Smith live erleben. Inzwischen 51jährig, ist auch er eine durchmischte Erscheinung. Hager wie Kollege Iggy Pop, ein verschmitztes Lächeln wie Bruno Jonas vom Scheibenwischer und als Musiker ein wütender, junggebliebener Dylan. Doch, es ist erschreckend, wie wenig anstößig Punk mit einer einzigen verstärkten Akustikgitarre klingt. Da hilft kein Fuchteln und kein Wedeln: Das ist ganz einfache politische Folkmusik. So ist also Punk wieder in dem Haus angekommen, dass es wild pubertär aufbegehrend einmal verlassen hatte, um die Welt zu erobern. «Punk’s not dead» stimmt also noch immer, aber irgendwie ist er doch sehr erwachsen geworden. Dem mögen die bürgerlichen Groupieabiturientinnen zwar nicht gern zustimmen, aber tief in ihrem Innersten, wenn sie einen Moment innehalten, ihre Körper nicht freimütig an verlebte Legenden der Elterngeneration feilbieten, werden sie feststellen, dass sie mehr mit den Altvorderen verbindet, als sie bereit sind, zuzugeben. Punk ist eine gesellschaftliche Anti-Haltung, aber keineswegs eine Anti-Monetäre. Sicherlich haben einige einen harten Weg nach oben gemacht, aber heute sind die Wege deshalb auch kürzer und weniger lehrreich. Wenn man nur in ein weiches Kissen fallen kann, ist der Abgrund kaum gefährlicher als eine Treppenstufe. Doch Angst macht radikal, treibt an. Die hageren, wilden Punks von damals wurden von den Rebellen der Jungen Union beerbt. Schade eigentlich.


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