sächsische Informations-Compagnie zu Berlin

Archive for the ‘Noname’ Category

Generation Dumpfwut

In Noname on December 2, 2008 at 21:45

Es ist zwar schon ein paar Wochen her, aber ich muss es trotzdem loswerden. Ich finde, der Schülerstreik vom 12. November war dilettantisch auf der ganzen Linie.

In Berlin fanden sich etwa 5.000 Schüler zusammen, um als Teil eines bundesweiten Streiks auf die Situation an Deutschlands Schulen hinzuweisen. Dabei kam es zu Ausschreitungen, als mindestens 500 Schüler sich entschlossen, in das Hauptgebäude der Humboldt Universität einzudringen, Fensterscheiben zu Bruch gehen zu lassen, Feuer zu legen, Feuerlöscher zu zerstören, Klopapier sowohl im ganzen Haus als auch im Vorhof zu verteilen, Teile einer Ausstellung über die Pogromnacht in der HU zu beschädigen, eine Konferenz über Patentnutzung zu stören und zum Abbruch zu zwingen und schließlich den Vorlesungsbetrieb im Hauptgebäude für diesen Tag völlig zum Erliegen zu bringen.

Bei der Berichterstattung über die Demonstration fielen mir die demoeigenen Ordner auf, die sich biertrinkend ablichten und filmen ließen, Schüler, die nicht einen Grund nennen konnten, warum sie der Demonstration beiwohnten. Ich sah und hörte ebenfalls die Organisatoren, die die Gewaltaktion in der Humboldt-Uni als Zeichen für die Unzufriedenheit der Schülerschaft interpretierte, sich dahinterstellte und lediglich das Maß kritisierte, die Aktion selbst aber als völlig richtig ansah, denn Bildung sei schließlich für alle da und die HU als Universität sei eine elitäre Einrichtung.

Rütli Guerilla Bildungs-Kommando
Rütli Guerilla Bildungs-Kommando

Okay. Nun meine Version. Ich komme mit dem Zug aus Leipzig, habe eine einzige Vorlesung und bin spät dran. Am S Unter Den Linden will in den Bus einsteigen., doch wegen einer Demonstration kommt kein Bus. Sagt die Anzeigetafel. Gut, sage ich mir, läufste eben. Also laufe ich fröhlich vor mich hin und sehe, plötzlich dass vor dem Haupteingang der HU Polizisten in Kampfmontur stehen. Da fällt mir ein, dass die Schüler ja gestreikt haben. Am Eingang traue ich meinen Augen nicht: Der gesamte Weg ist mit Klopapier ausgekleidet. Wer zum Teufel kommt auf so einen bekloppten Mist?, frage ich mich und sehe die Antwort schon direkt vor mir: Hemholtz’ Statue wurde beklebt und ihm ein Schild mit der Aufschrift «RÜTLI GUERILLA Bildungs-Kommando» in den Arm geklemmt. Die Rütli Guerilla also. Oder zumindest ihr Bildungs-Kommando. Tja. Wahrscheinlich ist es schon eine Weile her, als die Rütlis eine Lieferung zusammengesetzter Substantive erhalten haben. Die Schulleitung der Rütlischule ist Euch dafür sicherlich unendlich dankbar, denke ich mir so im Vorbeigehen. Und was soll das überhaupt sein? Stadtguerilla 2.0? War da etwa jemand im Baader-Meinhof-Komplex, hat ein paar Wörter aufgeschnappt und wollte klug sein? Scheint so. Aber irgendwie hat das nicht ganz geklappt. Auch im Foyer des Hauptgebäudes sieht es nicht besser aus. Dank des Klopapiers wird Treppensteigen zum Abenteuer. In den Fluren liegt Mehl verstreut. Es stellt sich heraus, dass das von den ausgeleerten Feuerlöschern stammt. Na Bingo! Da war jemand absolut helle. Wie drei Sack Ruß. Polizisten gehen umher und sichern Spuren. Derweil warten 120 Studenten auf den Beginn ihrer Vorlesung. Irgendwann kommt der Professor und teilt uns mit, dass die Polizei das Gebäude räumen wird, die Vorlesung ausfällt und wir ergo nach Hause fahren dürfen.

Super. Meine Begeisterung kennt keine Grenzen. Ich möchte bitte aus meiner Haut fahren.

Eine politische Aktion sieht anders aus, sogar eine richtig schlechte. Sogar eine richtig richtig schlechte.

Nicht nur, dass ein Gutteil der Schüler anscheinend «nur» feiern wollte – das ist nicht so schlimm. Aber es zeigt, dass den Organisatoren bereits während der Vorbereitung der Demonstration eklatante Fehler unterlaufen sind, denn

  1. sorgt man dafür, dass wenigstens die Ordner nüchtern bleiben.
  2. muss man die Teilnehmer briefen, warum sie an der Demo teilnehmen, wie sich sich bei Kamerakontakt zu verhalten haben, was sie sagen sollen und ab wann sie die Journalisten zu den Presseleuten schicken sollen. Ansonsten passiert genau das, was wir sehen mussten: Schüler, die keine Ahnung haben, warum sie dabei sind.
  3. sollte man sich davor hüten, spontan entstandene Gewaltaktionen auch noch zu verteidigen, denn das legt erstens den Verdacht nahe, dass es sich um eine geplante Aktion handelt und demzufolge wird man zweitens dafür auch noch zur Rechenschaft gezogen, drittens ist man in der öffentlichen Wahrnehmung einer von denen und viertens schwenkt man dabei nicht die Fahne seines Jugendverbandes in die Kameras. (Das finden die bestimmt nicht toll.)

Und wenn man schon plant, etwas zu besetzen, dann sollte man vorher darüber nachdenken,

  1. was man besetzt,
  2. wie man die ganze Sache ohne unnötige Zerstörungen durchführt.
  3. muss man den Kreis der Mittäter schon recht überschaubar halten, ansonsten bekommt man
  4. ein paar Idioten mit in die Truppe, die mit einer unüberlegten Handlung die ganze Wirkung verpuffen lassen. Und
  5. ist es wichtig, nur vertrauensvolle Pressemenschen während der Aktion dabei zu haben und erst nach erfolgreicher Durchführung der Aktion die gesamte Presse darüber zu informieren.

Man sieht, was nicht funktioniert hat: Außer der Tatsache, dass 5.000 Demonstrationsteilnehmer anwesend waren, eigentlich alles.

Mehr noch:

  1. Das Stigma der Rütlischule wurde einmal mehr zementiert.
    Oh, die sind Euch bestimmt so richtig dankbar. Gerade haben sie sich noch gefreut, endlich aus der medialen Schusslinie zu sein und ganz normalen Unterricht ohne Pressefuzzies halten zu können und schon stehen SpiegelTV & Co. wieder vor der Tür und drücken der Schule ihren Stempel auf.
  2. Die gesamte Aktion verpuffte instantan.
    Oder hat jemand je noch einmal etwas darüber gelesen? Reden die Kultusminister jetzt mit den Schülern? Eher nicht so, oder?
  3. Offenbar wissen deutsche Schüler nicht, was die Pogromnacht ist.
    Das allein als traurigen Beweis des Patienten Schulsystem zu interpretieren, greift zu kurz. Aber Hauptsache, sie wissen, dass Manager Verbrecher sind, die ausgewiesen gehören. Dieses Wissen über Sachen, die vor der eigenen Geburt passiert sind, ist doch sowieso völlig veraltet.
  4. Mit der Parole Bildung für alle eine Uni zu stürmen und dafür zu sorgen, dass der Vorlesungsbetrieb zum Erliegen kommt ist vor allem: dumm.
  5. Andererseits ist es bestimmt superrevolutionär, bei seinen potentiellen Mitstreitern so richtig zu verspielen, um sie danach zum Kampf für die gemeinsame Sache aufzurufen.
    Und überhaupt: Was machen die eigentlich nach dem Abitur? An die Uni gehen, AStA-Chef werden und dann? So als Teil der Elite?
    Ha! Ich weiß! Sie organisieren einen großen Streik und versuchen das Rektorat durch die Besetzung des Universitätskindergartens zur Aufgabe der Zulassungsbeschränkungen zu zwingen. Falls das nicht klappt, jagen sie ein Museum in die Luft.
  6. Mit Gewalt erzeugt man kurz Presseaufmerksamkeit. Die Politiker wenden sich jedoch ab. Ins Gespräch kommt man vielleicht in extremen Fällen mit Gewalt, aber nur ohne Gewalt bleibt man nicht nur im Gespräch, sondern kann auch beeinflussen. Liebe Kinder, bevor Ihr das nächste Mal loslegt, prägt Euch folgenden Satz ein: Politik ist das Gegenteil von Gewalt.

Bei mir bleibt nur eins zurück: Nicht mehr staatliche Ausgaben in Bildung, sondern weniger für RTL2, Dieter und Jamba. Danach können wir sehen, ob wir wirklich 100.000 neue Lehrer brauchen.

Ja, ich weiß: Das sieht sehr nach JU aus. Ist es aber nicht. Es ist die pure Verbitterung. Was bringt es denn, wenn 100.000 neue Lehrerstellen geschaffen werden, die Schüler aber offensichtlich nicht willens sind, ihr Hirn zu nutzen? Dass Aktionen falsch geplant werden, kann vorkommen. Aktionen in dieser Größenordnung müssen aber besser laufen. Und ja: Man muss hin und wieder die Teilnehmer an die Leine nehmen. Wenn man mit einer Stimme sprechen will (und nur dann bringt diese Art Demonstration etwas), dann muss man auch dafür sorgen, dass das geschieht. Irgendwer soll diese Stimme und das, was sie zu sagen hat, ja schließlich hören. Je weniger Menschen mit dieser Stimme sprechen, umso leiser wird die Stimme. Allerdings nimmt das Rauschen zu, wenn 5.000 Menschen gleichzeitig reden. Und vor allem: Der Zuhörende versteht nichts.

Lassi & ich

In Noname on November 30, 2008 at 17:37

Da steht es nun: Mein erstes Lassi. Am wohl seltsamsten Platz, den man sich für ein erstes Mal aussuchen kann: das BordBistro.

Ich habe verschlafen. Ein gefühltes Promille tanzt mir immer noch durchs Blut und ich mag die Augen nicht aufmachen, geschweige denn aufstehen. Ich werde durch meinen persönlichen Weckdienst nach einer dreiviertelstündigen Bearbeitungszeit dann doch aufgestanden und preise mich für meinen nächtlichen Genius: Die Anziehsachen und die Mitnehmsachen liegen startklar und konzentriert beieinander. Das hilft im doppelten Sinne. Einmal, weil mein Hirn noch nicht so munter ist, als dass ich nicht doppelt so lange für alles bräuchte und selbst dann noch die Hälfte vergäße. Und zum Anderen, weil ich – für meinen Pegel – in Rekordzeit startklar bin.

Draußen fallen naßkalte Schneeflocken, der Himmel ist eine ziemlich tief hängende graue Wand, die Autos fahren alle mit Licht; warum bin ich aufgestanden? Das ist kein Aufstehwetter, ganz im Gegenteil: Das ist ein Weiterschlafwetter. Ah, es fällt mir wieder ein: Zug fahren. Ich stelle begeistert fest, dass ich bereits gleichzeitig laufen und kompliziert denken kann, denn ich bin schon an der Haltestelle und sehe eine Bahn gerade abfahren. Wenigstens muss ich mich jetzt nicht beeilen.

Eine Fernsehschauspielerin und – ich schätze – ihre Enkeltochter warten auf die gleiche Bahn. Sie wendet sich ab, der Blick den sie mir zuwirft lässt mich vermuten, dass sie denkt, ich schaute in ihre Richtung, weil ich weiß, wer sie ist. So’n Ego ist schon was Feines, denke ich mir und schaue weiter auf die Enkeltochter. Dann aber fällt mir ein, dass ich das ja nicht die ganze Zeit machen kann und außerdem habe ich ja meine Zeitung dabei. Also lese ich Zeitung.

Straßenbahnen in Berlin zum Samstagmorgen gehen auch überhaupt nicht. In anderen Städten regt sich um diese Uhrzeit ein pietätvolles Nichts, will sagen: Die Busse und Bahnen fahren, weil’s auf dem Plan so steht. In Berlin sind die Dinger proppenvoll. Scheinbar muss der Senat eine heimliche ABM-Maßnahme «BVG nutzen» finanzieren, um somit die Öffentlichen grundzufüllen. Vielleicht ist es wie bei einem Restaurant: Ist es leer, geht keiner hinein, ist es voll, will jeder einen Platz.
Ich muss mir also meinen Weg durch die mir viel zu volle Bahn kämpfen und zu allem Überdruss noch einen Sitzplatz erheischen. Aber: Je größer der Wille, umso kleiner das Problem. Ich sitze.

Mir fällt beim Aussteigen auf, dass ich den Fernsehturm heute noch garnicht gesehen habe. Muss wohl an der Wolkenwand liegen. Halt. Das ist nicht wahr. Ich habe ihn heute schon gesehen. In den frühen Morgenstunden stand ich doch an einem Beet zu seinen Füssen. Ein erhebendes Gefühl: Irdisch erleichternd und überirdisch der angestrahlte, in den Nachthimmel hineinragende Raketenkörper, genannt Fernsehturm. Aus der Bahn heraus dränge ich mich an ein paar Leuten vorbei, um die S-Bahn zu erreichen, die dann doch noch eine Minute wartet, bis sie losfährt.

Und hier sitze ich nun. Den letzten Abend noch im Blut, vor mir zwei Halbschöne mit Beziehungsproblemen von denen ich nichts mitbekommen will und hinter mir eine Dame, die von Berlin abwechselnd nach Altenburg und Leipzig fährt, heute nach Altenburg muss, aber nur bis Leipzig gezahlt hat und irgendwas hat dann am Automaten nicht geklappt und wenn mich jemand anruft, erzähle ich’s ihm mit derselben Aufgeregtheit, als wäre es gerade erst passiert. An mir vorbei zieht die Lutherstadt im Winterschlaf – ich beneide sie – , auf den Strommasten sitzen schwarze Knäuel und wärmen sich, die entfernten Wälder sind vom Frühnebel, der ganz schön spät dran ist, eingelullt. Und vor mir steht die kleine Flasche Mango-Passionsfrucht-Lassi. Aufmerksam lese ich die Etikettierung. Man muss ja wissen, auf was man sich da einlässt. Auf der Flasche steht, dass heute Samstag sei. Gut. Sie behaupten auch, dass jeder Tag Lassitag ist, da haben sie bestimmt ein Etikett für jeden Tag. Ich lese unbekümmert weiter. Heute sei mein Biertag. Ich schaue mich um. Woher wissen die das? Vielleicht ist das eine Tarnfirma von Herrn Schäubles flinker Truppe, die die Möglichkeiten des BKA-Gesetzes schonmal pilotprojektmäßig testet? Und weil sie wissen, dass Samstag mein Biertag ist, und sadistisch sind und wissen wollen, wie aufnahmefähig ich am Morgen nach einem Abend wie gestern noch bin, präparieren sie unschuldige Lassi-Flaschen. Hui. Ich drücke meinen Puls wieder in gesunde Regionen zurück und rede mir ein, dass das bestimmt nur auf statistischen Erhebungen beruht, deren zufolge Bier samstags am wahrscheinlichsten konsumiert wird.

Vor dem Öffnen schütteln. Nicht danach., sagt das Etikett. Klingt vernünftig, denke ich und schüttele. So, jetzt wird es ernst. Tief durchatmen. Langsam umfasse ich den Verschluss, drehe ihn ab, lege ihn beiseite, nehme die offene Flasche in die eine, das Glas in die andere Hand, halte es schräg und… denke mir: ‘Bäh! Das sieht aus wie feuchter Auswurf im Mixer.’ Ein Glück, dass mein Magen noch leer ist. Schräg gegenüber sitzt eine ältere Dame und schaut mich mitfühlend-skeptisch an. Ich zögere. Noch kann ich aufhören. Ich muss nichts tun, was ich nicht will. Auf brechtisch heißt das: Wer A sagt muss nicht B sagen, wenn er erkennt, dass A falsch ist. Aber nein. Der Lassitrend ist schon fast wieder verklungen und ich habe ich entsprechend schon fast verpasst. Ich muss mich ihm stellen, ich kann nicht immer meine Augen vor dem, was ich sehe, verschließen. Selbst wenn es mich Überwindung kostet. Selbst wenn mir beim Anblick des sich im Glase ergießenden Mango-Passionsfrucht-Lassi fast schlecht wird. Wäre Banane-Erdbeer eine bessere Alternative gewesen? Na also. Ich werfe meiner Zuschauerin einen entschlossenen Blick zu, zucke mit den Schultern wie Na es hilft ja doch nichts und spüle das Lassi hinter.

Naja. Joghurt, Früchte und ein Mixer. Um einen Hype zu erzeugen, ist das für mich jetzt nicht genug, aber der Hype-Hype geht um und das Hypen ist dabei nunmal wichtiger als das Gehypte.

Invertsommerrezept

In Noname on November 10, 2008 at 14:11

Strand. Wellen rauschen heran. Hin und wieder Möwengeschrei. Der Wind weht Musik ans Ohr. Über uns das unendliche Blau und die glänzende Sonne, deren Strahlen das Meer in einen goldenen Tanzboden verwandeln. Hin und wieder zeigen sich Schiffe und verträumte Schäfchenwolken am entfernten Horizont.

Sommer an der Ostsee.

Toll, oder?

Jetzt ist es kalt und feucht und die Sonne schafft es kaum, das Firmament zu erklimmen und durch die graue Wolkenmauer kommt sie auch nicht mehr.

Doof, nicht?

Ich weiß, wie man den Ostsee-Sommer wieder heranholt!

Hier sind die benötigten Zutaten:

  • ein Computer
  • Internet
  • wahlweise noch ein Ostseestrandposter samt Couch davor

Also. Man schalte seinen Computer ein, verbinde sich mit dem Internet und wä¤hle eine Musikabspielanwendung seines Vertrauens. Dabei spielt es keine Rolle, ob es iTunes oder Winamp oder ein Internetradio ist. Haben wir? Fabelhaft! Nun den Browser öffnen und http://www.lessrain.com/ aufrufen. Seite geladen? Boxen aufgedreht? Sehr gut! Jetzt die Musik anstellen.

Je nach Musiklautstärke weht der Wind entweder Musik oder Ostsee heran.

Schöne Ferien!

Whenever life gets you down, Mrs. Brown…

In Noname on October 7, 2008 at 11:10

9 Uhr 40

Ich verlasse das Haus mit der üblichen Zehn- Minuten- Verspätung. Eigentlich kann ich das garnicht mehr sagen. Zehn Minuten früher zu gehen würde Stress bedeuten. Zehn Minuten eher aufzustehen… Naja, ich bin schon froh, dass ich mich meiner Wunschaufstehzeit annähere. Egal. Ich verlasse das Haus und habe eine Zeitung.

Grausames, gemeines Leben: 0
Marcus: 1

9 Uhr 46

Meine Straßenbahn kommt. Sie ist erschreckend leer. Ich werfe einen verstörten Blick auf die Uhr um mich zu vergewissern, dass ich mich nicht um eine Stunde vertan habe. Wurden die Uhren umgestellt und keiner hat mir etwas gesagt? Dem ist nicht so. Ich beschließe, es zu genießen. Juhu!

Grausames, gemeines Leben: 0
Marcus: 1½

Sieht gut aus für mich.

9 Uhr 50

Ich bin an der S-Bahn. Hier sieht es bekannt aus. Die S85 fällt wegen «Verzögerungen im Betriebsablauf heute leider aus», sagt die nette Computerstimme. «Wir bitten um Verzeihung.», sagt die nette Computerstimme. Computerstimmen am Bahnhof geben der Sache etwas unpersönliches. Und eine Entschuldigung vom Band kann nicht ernst gemeint sein. Egal. Ich lese weiter Zeitung.

9 Uhr 55

Zur Abwechslung sagt mir heute mal die gleiche Computerstimme, dass «sich die Ankunft der Ringbahn S42 um wenige Minuten verspäten» werde. Zwei davon sind schon einmal um.

Grausames, gemeines Leben: ½
Marcus: 1½

9 Uhr 56

Auch die S8 wird digital entschuldigt.

9 Uhr 57

So. Die «wenigen Minuten» sind jetzt um. Die Bahnangestellte, die sich offensichtlich in ihrem Häuschen verschanzt hat, entschuldigt sich nun auch, sagt uns aber, dass die nächste Ringbahn schon an der Frankfurter Allee sei und in zehn Minuten käme. Spontan verlässt der halbe Bahnhof den Bahnsteig.

Grausames, gemeines Leben: 1
Marcus: 1½

10 Uhr 3

Die Bahnfrau tut es wirklich leid. Ihre Aufgabe wird nicht besser. Die Nord-Süd-Verbindung würde auch nicht mehr fahren. Jetzt ist der Bahnhof leer. Wir stürzen uns in die nächste Straßenbahn.

Grausames, gemeines Leben: 1½
Marcus: 1½

10 Uhr 8

Die Straßenbahn ist zu 250% voll. Jippie. Glücklicherweise habe ich einen Platz an der Tür mit Möglichkeit zum Anlehnen erwischt. Frischer Ratensauerstoff ist mir also gewiss.

Grausames, gemeines Leben: 1½
Marcus:2

10 Uhr 21

Ich am Alex. Kommt eine Straßenbahn für mich?

10 Uhr 22

In 12 Minuten. Das ist mir zu lang.

10 Uhr 25

Am Hackeschen Markt. Die Ost-West-S-Bahnen fahren noch, die ICEs nicht.

10 Uhr 31

Die M1 fährt SEV. Juhu. Ich laufe.

Grausames, gemeines Leben: 2
Marcus: 2

10 Uhr 33

Der SEV fährt an mir vorbei. Juhu.

Grausames, gemeines Leben: 3
Marcus:2

10 Uhr 41

Ich bin auf Arbeit. Da hätte ich auch laufen können.

Grausames, gemeines Leben: 4
Marcus: 2

10 Uhr 45

Am Arbeitsplatz bemerke ich die Schweißflecken unter meinen Armen.

Grausames, gemeines Leben: 5
Marcus: 2

Zieh Dir was Warmes an, sagen sie. Es ist Herbst, sagen sie. Nicht dass Du Dich erkältest, sagen sie.

Grausames, gemeines Leben: 6
Marcus: 2

Ich fühle und rieche den Schweiß.

Grausames, gemeines Leben: 7
Marcus: 2

Das Hemd habe ich vor anderthalb Stunden frisch angezogen.

Grausames, gemeines Leben: 8
Marcus: 2

Ich hasse dieses Spiel.

Ein deutliches Zeichen für Urlaub ist II | Das Universum schlägt zu

In Noname on June 25, 2008 at 09:14

Eigentlich hat der Tag recht gut begonnen: Obwohl ich recht angetrunken erst kurz nach zwei Uhr ins Bett gekommen bin, entsteige ich selbigem in Rekordzeit. Waschen, essen, Mails checken, kurzum: all das, was einen werktätigen Morgen ausmacht, macht mir trotzallem nichts aus. Ich öffne einem Werbungsmenschen die Tür, damit er meinen Briefkasten mit unnützen Sachen zumüllen kann und habe meine erste gute Tat vollbracht.

Viel früher als üblich will ich das Haus verlassen und weil ich die Zeit dazu habe, drehe ich mir meine Zigarette bereits im Wohnzimmer. Mein Blick schweift dabei aus dem Fenster und bleibt spontan in einem Badfenster gegenüber hängen, hinter dem sich ein sehr viel Haut zeigendes weibliches Wesen gerade Zähne putzt. Bei genauerem Hinsehen stelle ich fest, dass es tatsächlich ein Nackedei ist und die Badfenster ganz ohne Milchglas auskommen. Das bin ich spontan dankbar und genieße den Augenblick.

Nun habe ich einen äußerst weisen Einfall: Eine Wegbrause. Sowas hilft mir, wenn ich nach einer Nacht wie der letzten einen guten Start haben möchte. Mit der bereits gedrehten Zigarette im Mund öffne ich also eine dieser Ökobrausen meines Vertrauens. Als Fachmann, der ich nuneinmal im Öffnen von Kronkorken bin, suche ich gar nicht erst nach einem Öffner – ich habe ja Flaschen. Also nehme ich mir eine zweite davon zur Hand, um die erste in den erwünschten trinkbereiten Zustand zu versetzen. Nach einigem Würgen und Versuchen spüre ich den Erfolg in meinen Händen. Doch – oh Schreck! oh Graus! – des Erfolges habe ich nun zu viel: Die Brause ist eine Hundertfünfzigprozentige und schleudert mir ihre halbe Ladung um die Ohren. Ich von oben bis unten nass, die Zigarette ungenießbar, der Tisch und alles auf ihm ein einziges brausendes Meer. Super. Es hilft nichts: Abwischen, umziehen und dann doch erst die nächste Bahn nehmen.

Mein Leipzig lob ich mir

In Noname on June 14, 2008 at 23:31

Samstag Abend in Leipzig. Zu spät fürs Autokino, zu früh zum Tanzen. Planlos fahren wir in die Stadt. Am Augustusplatz ist eine Bühne aufgebaut. Bachfest! Erst All You Can Bach, danach All You Can Dance. Fantastisch. Der olle Goethe hatte ganz recht: Mein Leipzig lob’ ich mir.

Mission complete.

In Noname on May 26, 2008 at 15:50

Wie ich hier und hier lesen kann, hat sich der liebe miescha entschlossen, einen Teil seines Lebens hinter sich zu lassen, um einen Neuen zu beginnen.

Nun, seine Ausführungen kamen mir beim Lesen bekannt vor. Es scheint, als ob er zumindest eine Weile (denn mit absoluten Feststellungen soll man sich hüten… Warum eigentlich?!) Goethes Pfad des tugendhaften Schwerenöters endgültig verlassen hat und auf den gewissenhaften Weg der Monogamie gewechselt ist. Damit ist klar: miescha hat ein Gewissen und wird demzufolge wohl weder ein berühmter Journalist noch Goethe 2.0 ;-) Schiller und Heine und Bukowski und wie sie alle heißen kann er sich wohl nun auch abschminken. Tja, vielleicht wird noch ein Exupery aus ihm. Wenn er sich anstrengt.

Naja, es gibt Schlimmeres.


Eigentlich war der ganze geschriebene Firlefanz nur für dieses folgende Video gedacht…
Click here to view the embedded video.

Alf? E.T.? Elvis?

In Noname on May 26, 2008 at 14:42

Gerade lese ich im heise-ticker, dass Phoenix nun gelandet sei. Ich folge den Links und komme auf die Missionsseite bei der NASA. Plötzlich stolpere ich über ein Bild und denke mir: Na hoi, wer bist Du denn? Wieder eine Aktion a la Kubrick? Oder wie oder was? Wieder wehende Fahnen im luftleeren Raum?

Punks not dead. Ich möchte aber bitte, dass ihr alle tot geht.

In Noname on May 25, 2008 at 19:05

Ich hasse Punks mit Hunden. Nicht alle. Nur diese offensiv-aggressiven Ekelpunks, die sich am Ostbahnhof herumtreiben. Ja, ich hasse sie. Aus meinem tiefsten Inneren heraus. Bis zu den Zehenspitzen, so tief.

Soeben machten Denise und ich das Gleiche wie vielleicht tausend andere Menschen an diesem Tag auch: Wir kauften noch schnell ein paar Sachen beim ReWe im Ostbahnhof. Ist ja auch praktisch: Nicht weit weg vom Treptower Park, nur ein kleiner Umweg, um nach Hause zu kommen und hat jeden Tag bis in die Puppen auf. Nachdem wir uns schier stundenlang anstellen mussten, sehe ich auf der Rolltreppe einen Punk samt Gitarre und Hund, der mich böse aus seinem blau gehauenen Auge anblitzt. ‘Gut’, denke ich mir, ‘vielleicht hat er einfach einen schlechten Tag. Punk zu sein ist ja nun auch nicht einfach.’ Wir verlassen das Foyer und gehen unter den Gleisen zur S-Bahn. Plötzlich bleibt mein Schuh hängen und irgendetwas ist naß-cremig. Ich drehe mich um und schreiend denke ich blitzartig: ‘VERDAMMT’. Hinter mir ein Bild des Grauens: Irgendein dämlicher Vollhirni war offenbar nicht Willens oder fähig, seinem Tier beizubringen, dass man in geschlossenen Räumen – und auf Bahnhöfen schon garnicht – mitten auf den Weg scheisst. Und meine Sandale wirkte natürlich wie eine Baggerschaufel. Als ich das Ausmaß des Geschehens erkenne und mich umgehend zur Verdängung dessen, was an meinem Fuß ist, entschließe, kommt natürlich ein Reinigungsmann – und macht die Scheiße weg. Genau zwanzig Sekunden zu spät. Verdrängend dränge ich mich also an den Menschen vorbei aufs Bezahlklo. Der dortige Reinigungsmann ist natürlich nicht da, um mir seinen Wasserschlauch zu pumpen, also muss ich mir selbst helfen und die ganze cremige, stinkende Kacke von meinem Sandal wischen. Erst jetzt merke ich, dass ich das Zeug unter und zwischen den Zehen habe. Glücklicherweise ist mein Magen leer, deshalb fällt es mir weniger schwer, den Brechreiz ob des Anblicks und des Geruchs zu unterdrücken. Der Hunger, den ich noch vor zehn Minuten verspürte, ist wie weggewischt.

Deshalb hasse ich ab sofort alle Punks mit Hund am Ostbahnhof. So. Das musste ich nur loswerden.

Eines noch: ICH HASSE SIE!

Dieses wunderbare «Zuhause-Gefühl»

In Noname on May 24, 2008 at 22:03

Es ist schon irgendwie seltsam: Da wohnt man seit fast einem Jahrzehnt nicht mehr daheim bei den Eltern, fühlt sich hinreichend wohl, bezeichnet den Wohnort Berlin als sein Zuhause und doch gibt es diese Momente, wo man von einem wunderbaren «Zuhause-Gefühl» durchströmt wird und sich für einen Augenblick fragt: Was willst Du eigentlich hier?

Jeden Mittwoch und Freitag findet ein Wochenmarkt auf einem Platz um die Ecke statt. Dort gibt es einen Wagen, der Wurst anbietet. Nicht einfach nur Wurst: Das ist Thüringer Wurst aus Arnstadt vom Fleischermeister.

Für einen Nichtsachsen oder -thüringer ist das vielleicht schwer begreiflich, aber Thüringen und Sachsen bilden – zumindest in Sachen Wurst und Fleisch – einen kulturellen Geschmacksraum: Im Sommer gehören Bratwürste und Steaks auf den Grill – dass es Thüringer Rostbratwürste sein müssen, ist klar (gibt es auch andere?) – dazu Born- oder (wenn’s nicht anders geht auch) Bautzner Senf. Klöße müssen schlierig sein und Gehacktes kauft man beim Fleischer, packt es ungesehen aufs Brötchen und isst es. Ohne nachzuwürzen.

Wie dem auch sei, besagter Wurstverkaufswagen wird von einer Spätsechzigerin besetzt und ich danke dem Herrn bei jedem Besuch, diesen Dialekt hören zu dürfen. Arnstadt liegt etwa 20 Kilometer südlich von Erfurt. Das Geknetsche ist angenehmer als das Erfurter, mich erinnert es an den Dialekt meiner Großeltern, die bei Jena wohnen. Mir entlockt es bei jedem Besuch meinen freundlichsten heimatlichen Singsang. Die Frau sitzt hinter ihrem Tresen und macht Sudokus oder sie bedient eine Kundin. Es sind meistens Kundinnen. Eigentlich ausschließlich alte Frauen. Wenn man knapp dran ist und nur schnell eine Knacker auf die Faust will, hat man wirklich verloren. Denn sie wird nicht müde, den Preußenomas immer wieder mit Nachdruck zu sagen, dass sie die Wurst und das Fleisch bitte auf keinen Fall nachwürzen sollen, denn da sei alles schon drin. Womit sie völlig Recht hat. Zuhause müsste sie das nicht. Aber hier. Nebenbei unterhält man sich noch über Kochrezepte und wie man was wann wo essen könnte. Oder was die Enkel so machen. Ist mir passiert. Denise fragt nach Kloßmasse. Tja, die habe sie nicht, aber wenn wir am nächsten Mittwoch Bescheid gäben, würde sie welche mitbringen. Im Ladengeschäft – was sie auch noch haben – gäbe es das. Nagut. Dann kaufen wir eben Wurst. Ich sehe Sülzwurst und augenblicklich läuft mir das Wasser im Munde zusammen. Ich sehe mich mit sieben Jahren am Abendbrottisch meiner Großeltern sitzen und mit meinem Opa Brot essen (handgeschnitte Scheiben Brot, richtige Runken, eine dicke Schicht Butter, danach Wurst und natürlich: Senf. Ich höre ihn immernoch lachen, weil es ihm Freude bereite, wenn er sah, dass es mir schmeckte und ich jede Bemme binnen Sekunden in mich hineinschlang). Inzwischen schneidet die Frau eine erste Scheibe ab und hält sie mir prüfend hin: «Ist das so in Ordnung?» Ich beäuge selbige skeptisch und meine dann: «Na ein bisschen dicker kann sie schon sein» «Wie wir’s eben von zu Hause gewöhnt sind», meint sie, nickt mir freundlich zu und auf einmal sind wir beide – jeder für sich – daheim: Sie in Arnstadt und ich irgendwo in meiner Kindheit. Über die Klöße kommen wir schließlich ins Gespräch und sie gesteht uns, dass sie inzwischen auf Emmis Klöße zurückgreift und die Dinger nicht mehr selber macht – jedoch nicht, ohne uns zu versichern, dass sie es noch immer könnte. In dem Augenblick, wo wir die zwei uns bekannten Brocken des Kloßrezeptes ins Gespräch mischen schließt sie uns in ihr Herz und erzählt uns von ihrer Enkelin. Hin und wieder gäbe es das Gericht nicht her, dass sie Klöße mache. Genau dann protestiert ihre Enkelin und besteht auf Klößen. Ja, das kenne ich, schließt es mir durch den Kopf.

Denise holt sich noch eine Wiener auf die Faust, wir bezahlen. Da werden wir noch einmal zurück gerufen und ich bekommen eine Knacker in die Hand gedrückt. Natürlich kommen wir nächste Woche wieder Zuhause vorbei.

Was nützt die Sprache in Gedanken…

In Noname on May 21, 2008 at 16:38

Das letzte Wochenende habe ich Hannover verbracht. Hannover. Spannend ist was anderes, aber die Stadt plätschert sich halt durch das Mittelfeld der deutschen Großstädte. Was sie rettet, ist die Messe. Ganz klar. Von den Menschen sagt man, sie würden ein nahezu reines Hochdeutsch sprechen. Nun. Das mag schon sein, aber wenn’s woanders hapert, spreche ich doch lieber Dialekt. Niwahr?

Im Edeka in Hannover

Ein deutliches Zeichen für Urlaub ist…

In Noname on May 6, 2008 at 15:36

…wenn man fröhlich telefoniert, eine leere Flasche Bier findet und in den Kasten stellt, sich anschließend eine Neue herausnimmt und selbige öffnet, zum Schrank geht und ein Glas herausnimmt, das Bier einschenkt und erst beim ersten Schluck merkt, dass man (a) Bier trinkt, es (b) eigentlich noch viel zu früh dafür ist und (c) – und das ist das Schlimmste – das schöne Frühchen auch noch aus einem Glas trinkt.

Switch to our mobile site